
?Wir müssen uns vor Berlin nicht verstecken?
EMM: Kultur- und Kreativwirtschaft - was versteht man darunter?
Ernst Wolfswinkler: Unter dem Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft werden diejenigen Unternehmen aus dem Kultur- und Kreativbereich erfasst, die vorwiegend wirtschaftlich orientiert sind. Es wurden 11 Teilbranchen definiert, denen die Unternehmen zugeordnet werden. Diese sind die Bereiche Musik, Buch, Kunst, Film, Rundfunk, Darstellende Künste, Architektur, Design, Presse, Werbung und Software/Games. In der Regel denkt man beim Kreativen zuerst an das Kulturelle und Künstlerische und vergisst dabei, dass mit dem Kreativen eine erhebliche Wertschöpfung einhergeht. Entsprechende Untersuchungen auf Bundesebene zeigen, dass dieser Sektor der Wirtschaft einen erheblichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leistet und gleich nach der Automobilwirtschaft und noch vor der Chemieindustrie die drittgrößte Wirtschaftssparte darstellt.
EMM: Inwieweit ist dieses Thema schon in den Köpfen?
Ernst Wolfswinkler: Das Thema ist spätestens seit dem Bericht der Enquetekommission ?Kultur in Deutschland? aus 2007 bekannt und auf der Tagesordnung. Nach und nach entsteht seit drei bis vier Jahren ein Bewusstsein und Interesse dafür, wir stehen aber meiner Meinung nach noch sehr am Anfang. Natürlich gibt es Sparten wie den Presse- und den Werbemarkt, Software/Games, Designmarkt oder auch den Buchbereich, die von jeher als groß bekannt sind. Aber 90 % der Umsätze in der Kultur- und Kreativwirtschaft werden von Klein- und Kleinstunternehmen erwirtschaftet. Zudem gibt es eine nicht bekannte Anzahl an Akteuren, die sehr kreativ sind und gute Ideen haben, die aber bei wirtschaftlichen Umfragen bisher noch nicht erfasst sind, weil ihr Einkommen oder ihre Umsätze nicht hoch genug sind. Es liegt also ein großes Potenzial bei kreativen und leistungsfähigen jungen und vielleicht auch älteren Menschen brach. Im Sinne einer Wirtschaftsförderung kann man hier durchaus lenkend eingreifen und dieses Potenzial heben und weiterentwickeln.
EMM: Künstler und Kreative auf der einen Seite, die Wirtschaft auf der anderen: Gibt es bei zwei so unterschiedlichen Bereichen nicht auch Vorbehalte?
Ernst Wolfswinkler: Ich glaube, dass es eine Menge an Menschen gibt, die Wert darauf legen, von ihrer Kreativität und ihrem Schaffen leben zu können und froh sind, mit dem entsprechenden Rüstzeug versehen zu werden. Hier kann man ansetzen. Gleichwohl kann ich mir auch vorstellen, dass es aus der Wirtschaft und der Verwaltung heraus Vorbehalte gerade gegenüber den subkulturnahen Akteuren geben kann. Da ist sicher noch einiges zu leisten. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist der Wirtschaftsbereich, der im Moment die größte Wachstumsdynamik in sich trägt. Daher sollte man Wege finden, wie man diesen Bereich zum Beispiel einer allgemeinen Wirtschaftsförderung zugänglich machen kann.
EMM: Welche Ansätze könnte man da verfolgen?
Ernst Wolfswinkler: Es gibt zum Beispiel verschiedene bestehende Wirtschaftsförderungsprogramme, die auch für die Kultur- und Kreativwirtschaft geeignet wären. Diese gilt es erst einmal zu entdecken und zugänglich zu machen. Ein weiterer Weg ist, das Thema zu kommunizieren und dafür zu werben. Das heißt, man muss Informationswege für die vielen kulturell und kreativ Tätigen aufbauen. Außerdem muss man in der Breite in der Politik und Verwaltung ein Bewusstsein für diesen Wirtschaftsbereich schaffen, auch wenn es zum Teil und in unterschiedlicher Ausprägung schon vorhanden ist. Man wird neue Wege gehen und vielleicht Modellprojekte aufsetzen müssen, um vorwärts zu kommen. Die Denkweise von Künstlern und Kreativen ist oft eine andere als in der Politik oder Verwaltung. Man muss also ein Stück weit zwei Welten zueinander bringen und sehen, wie das zu schaffen ist.
EMM: Inwieweit kann die neue Facharbeitsgruppe hier einen Beitrag leisten?
Ernst Wolfswinkler: Wir haben uns in der ersten Sitzung im Mai kennengelernt und wollen uns noch vor der Sommerpause erneut treffen. Das Engagement und Interesse in dieser Arbeitsgruppe ist sehr groß und wir möchten schnell weiterkommen. Beim nächsten Treffen wird Jürgen Enninger, der das Regionalbüro Bayern des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes leitet, einen umfassenden Einblick in das Thema Kultur- und Kreativwirtschaft geben. Wir werden diskutieren, wo diese Region steht, welche Ansätze es gibt und daraus unsere Ziele und vielleicht auch Projektvorschläge entwickeln. Gerade wird vom Bayerischen Wirtschaftsministerium ein Bericht zur Kreativwirtschaft in Bayern erarbeitet, den wir mit Spannung erwarten. Wir klären gerade, ob es möglich ist, die Ergebnisse des Berichtes gleich auf die Metropolregion München abzustimmen. Kultur- und Kreativwirtschaft ist generell ein wichtiges Thema für Metropolregionen. Wir wollen uns hier nicht nur im Vergleich mit deutschen Metropolregionen sehen, sondern international zum Beispiel mit Wien, Barcelona oder Amsterdam messen.
EMM: Im Bereich der Hochkultur sollte die Metropolregion sehr gut aufgestellt sein, im Bereich der Subkultur denkt man zuerst wohl eher an eine Stadt wie Berlin. Können Sie eine Einschätzung geben, wie es um das kreative Potenzial in der Metropolregion München steht?
Ernst Wolfswinkler: Die Kreativwirtschaftsberichte weisen darauf hin, dass in der Metropolregion München ein sehr großes Potenzial vorhanden ist. Da wage ich durchaus die Prognose, dass wir uns vor Berlin nicht verstecken müssen. Es wird eher die Frage sein, wie man das ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und auch ins Bewusstsein der Aktiven rückt. Natürlich gibt es immer wieder einzelne Aktive, die sich auf den Weg in andere Städte machen. Die Lebenshaltungskosten in München sind hoch, es ist sehr schwierig, Räume zu finden. Allerdings muss man auch sagen: Wenn man seine Ideen in München auf den Markt bringt, ist das Potenzial für einen wirtschaftlichen Erfolg auch sehr gut, weil es hier eine prosperierende Region ist.
EMM: Zu wenig Räume und hohe Kosten sind vor allem ein Problem der Stadt München, weniger der gesamten Region. Könnten sich in dieser Hinsicht im Rahmen der Metropolregion neue Ansätze ergeben?
Ernst Wolfswinkler: Das Zusammenwirken von Großstadt, Landkreisen und ländlichem Raum wird ein sehr spannender Teil des Themas sein. Ich bin überzeugt, dass sich da Mehrwerte entdecken lassen. Es ist ja auch durchaus so, dass eine Zahl von Kreativen auf dem Land zu finden ist, einfach, weil dort die Bedingungen besser sind. Auch der Vergleich der Situation in den verschiedenen Zentren wie Ingolstadt oder Augsburg wird sehr interessant. Wir arbeiten an einem spannenden und gerade entdeckten und in Zukunft immer wichtigeren Arbeitsfeld.
(aus EMM-Newsletter Ausgabe 04/2011)

