
"Auch schlechte Erreichbarkeit schadet manchmal nicht"
EMM: Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale inhaltliche Ergebnis der Auswertung?
Prof. Gebhard Wulfhorst: Der Erreichbarkeitsatlas zeigt, dass es differenzierte Erreichbarkeitsqualitäten innerhalb der EMM gibt. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass auch schlechte Erreichbarkeit manchmal nicht schadet. Nicht alles muss immer und überall erreichbar sein, wenn man zum Beispiel an Rückzugsmöglichkeiten zur Erholung denkt. Diese Unterschiede muss man zur Kenntnis nehmen, als Chance sehen und strategisch weiterentwickeln.
EMM: Welche weiteren Chancen bieten sich in der Metropolregion München, wenn man sich die Ergebnisse des Erreichbarkeitsatlasses ansieht?
Prof. Gebhard Wulfhorst: Die Region hat die Chance, auf eine polyzentrale Entwicklung hinzuarbeiten. Wenn man es überspitzt formuliert ist es ja im Moment so: Alles konzentriert sich auf den Marienplatz und außen rum kommt erst mal wenig. Aber es gibt ja auch weitere attraktive Zentren in der Metropolregion München wie Ingolstadt, Rosenheim oder Augsburg. Hier wäre es sehr wichtig, diese Zentrenstruktur weiterzuentwickeln. Auch den ländlichen Raum sollte man nicht vergessen. Er hat seine eigenständigen Qualitäten, die man in teilräumigeren Analysen weiterentwickeln könnte.
EMM: Sie haben gerade kleinräumigere Analysen angesprochen. Wie kann der Erreichbarkeitsatlas noch weiterverwendet werden?
Prof. Gebhard Wulfhorst: Der Atlas kann sowohl in methodischer als auch in inhaltlicher Dimension weiterentwickelt werden. Es wäre etwa möglich, für Kommunen eine Auswertung aus ihrer je-weiligen Sicht vorzunehmen, um so zum Beispiel Grundlagen für Standortentscheidungen zu bieten. Wir haben mit dem Erreichbarkeitsatlas eine Analyse-Plattform geschaffen, die als Basis und Auftakt für weitere Studien mit unterschiedlichen Zielen genutzt werden kann.
EMM: Gibt es bereits konkrete Projekte, die an den Erreichbarkeitsatlas anknüpfen?
Prof. Gebhard Wulfhorst: Ja, es ist uns gelungen, mit unserem Kooperationspartner LET der Universität Lyon ein Projekt im französischen Forschungsprogramm zu akquirieren. Das Projekt ist auf nachhaltige Mobilität fokussiert und beschäftigt sich mit der Zukunftsfähigkeit von Standorten in der Münchner Region im Vergleich zum Großraum Lyon. Methodisch möchten wir hier Stress-Tests für Standorte durchführen, also eine Art Belastungs-EKG für die Erreichbarkeit. Ein Szenario wäre zum Beispiel, dass der Benzinpreis plötzlich um das Dreifache steigt - welche Folgen hat dies für einen Standort? Oder was passiert, wenn strenge CO2-Budgets eingehalten werden müssen?
Ein zweites Projekt ist ein Doktorandenkolleg, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Ab dem 1. Juli 2011 haben wir am Institut für Verkehrswesen acht Promotionsstipendien zu vergeben, die sich in den nächsten drei Jahren mit dem Thema "Nachhaltige Mobilität in der Metropolregion München" auseinandersetzen sollen. Hier möchten wir auch alle EMM-Mitglieder dazu ermutigen, uns die Fragen, die ihnen schon immer unter den Fußnägeln gebrannt haben oder für die bisher keine Zeit blieb, zu stellen.
(aus EMM-Newsletter Ausgabe 06/2010)
Weitere Informationen
Den Abschlussbericht zum Erreichbarkeitsatlas und die Kontaktinformationen zu Professor Gebhard Wulfhorst finden Sie hier.

